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Die brachialen Kunsträuber kommen: Schweizer Museen müssen sich gegen brutale Banden wappnen

NZZ am Sonntag 23. August 2026, von Mirko Plüss

Der Europol-Bericht beschreibt eine neue, gewaltbereitere Generation von Kunsträubern – bewaffnet, brachial, organisiert. Andrea Raschèr ordnet das ein: "Kunstraub ist heute entromantisiert, professionalisiert und diversifiziert." Der elegante Gentleman-Dieb aus dem Kino habe mit der Realität nichts zu tun. “Wer heute zur Tat schreitet, agiert wie ein gewalterprobter Söldner.”

 

Auftragsdiebstähle im Interesse geheimnisvoller Sammler kommen laut Raschèr zwar vor, sind aber die Ausnahme – ihre Bedeutung sei "umgekehrt proportional zum Mythos". Die Realität sei organisierte Wirtschaftskriminalität, mit der Logistik ganzer Netzwerke dahinter: “Sie benötigen dieselbe Infrastruktur wie beim Waffen- oder Drogenhandel: ausgebildete Täter, Transportmöglichkeiten, Verstecke und Absatzkanäle. Manchmal planen sie einen Coup minuziös, manchmal nutzen sie bloss eine Gelegenheit.”

 

Ist die Beute erst einmal gestohlen, wird sie zur Belastung. Über den regulären Kunstmarkt lässt sie sich kaum mehr absetzen: "Über offizielle Kanäle ist das heute fast nicht mehr möglich. Gestohlene Kunst wird sofort registriert – und gilt damit als verbrannt." Ein Teil der Beute läuft weiterhin über den Schwarzmarkt, ein wachsender Teil wird stattdessen zerlegt und in Einzelteilen verwertet – Metalle eingeschmolzen, Edelsteine umgeschliffen, historische Objekte auseinandergenommen. Auch beim jüngsten Fall vermutet Raschèr das: “Auch die Pendeluhren von Le Locle werden vermutlich ausgeweidet, also in ihre Einzelteile zerlegt.”

 

Eine zweite Verwertungsform gewinnt an Bedeutung: Artnapping, bei dem die Täter Lösegeld für die Rückgabe der Werke fordern. Wirtschaftlich lohnt sich das aber nur in einem bestimmten Preissegment: “Solche Erpressungen lohnen sich jedoch erst ab einer gewissen Summe, vor allem bei teuren Gemälden.”

 

Wie stark die Schweiz betroffen ist, bleibt unklar – offizielle Statistiken fehlen. Raschèr vermutet eine hohe Dunkelziffer: “Museen bemerken kleinere Diebstähle meist gar nicht, vereinzelt schweigen sie aus Angst vor Reputationsverlust. Die Fälle, die bekannt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs.”

 

Aus: Mirko Plüss, «Die brachialen Kunsträuber kommen», NZZ am Sonntag, 23. August 2026


Links:
https://www.nzz.ch/schweiz/kunstraeuber-schlagen-nun-auch-in-der-schweiz-zu-sie-werden-immer-brutaler-ld.10020361